Der Segen, der WIR SIND

Am 26. September 2019 um 10:09 verlässt Olaf Runze seinen Körper, während ich ihn in meinen Armen halten darf. Kurz zuvor hat sich unser siebenjähriger Sohn von ihm verabschiedet. 

Die plötzliche Diagnose, der fast dreimonatige Krankheitsprozess, das Sterben und der Tod meines Mannes löst in mir ein Erdbeben aus, bei dem nichts stehen bleibt, was nicht auf Fels gebaut ist. Alle Sicherheiten, an die ich mich geklammert habe, alles, was ich dachte was ich bin und was mich ausmacht, stürzt in sich zusammen. Von meinem Sein bleiben nur zwei Säulen übrig:

 

WIR SIND.

ICH BIN.

 

WIR SIND ein Segen füreinander und miteinander. Das haben wir in der Zeit von Olafs Krankheit und in der Zeit nach seinem Tod auf tausend verschiedene Arten erlebt. Wir wurden von verschiedensten Seiten so liebevoll und hilfreich begleitet: Da waren unsere Nachbarn, die ich alle in eine Whats App Gruppe aufgenommen habe. Ich musste nur schreiben, was ich brauche, schon meldete sich jemand, der Freude daran hatte, zu geben. Wir wurden bekocht, bebacken, in den Arm genommen, für unseren Sohn wurde gesorgt, unsere Freunde und Verwandte bekamen Schlafplätze. Olafs Vater und Schwester kamen, wann immer wir sie gerufen haben, von weit her angereist. Olafs erste Frau und seine zwei Töchter aus erster Ehe kamen und blieben, um Olaf auch nachts zu begleiten und um mich zu stützen und zu stärken. Nie werde ich die Situation vergessen, als der Arzt uns zur Seite nahm und uns berichtete, dass Olaf wohl jetzt sterben werde. Wir vereinbarten, dass er es Olaf mitteilen solle, während wir dabei waren und ihn hielten und stützten. Der Arzt stellte sich an die eine Seite seines Bettes, ich stand auf der anderen Seite. Susanne, Olafs erste Frau, stellte sich an meine Seite und stärkte mich, indem sie ihre Hand auf meinen unteren Rücken legte. Meine Angst, den Platz an der Seite meines Mannes zu verlieren, löste sich in nichts auf und ich erlebte den Segen des WIR. 

Zusätzlich begleitete uns ein wundervoller Freundeskreis, die aus Hannover und Hildesheim kamen, um ein Stück des Weges mit uns zu gehen. 

Immer war der richtige Mensch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Nie war ich allein. Nur den allerletzten Gang musste ich alleine antreten. Einsam war ich dabei in keinem Moment.

Energetisch wurden wir von der Fernheilungsgruppe des Rainbow Reiki und der "Distance Healing Group" von Brenda Davis begleitet. Das hat dazu geführt, dass ich teilweise in das Krankenhaus geschwebt bin, mich beflügelt und leicht gefühlt habe. Wir konnten für Olaf ein Feld von Hoffnung und Liebe halten, selbst als er sich mit der Wahrscheinlichkeit auseinandersetzen musste, dass er seinen Körper verlassen wird. Auch die Menschen, die Olaf beruflich begleiteten wie das Personal im Krankenhaus spürten den Segen. Wir wurden wundervoll behandelt und begleitet und durften durch unser liebevolles Miteinander-Sein viel geben. So hat Schwester Sandra sich bei uns bedankt mit den Worten: "Wenn ich noch einen Sohn bekomme, werde ich ihn so nennen wie Euer Sohn heißt." An dem Tag, als Olaf sich dazu entschloss, dass er nun sterben wolle, hatte Schwester Sandra Dienst. Sie bat Olaf darum, diesen letzten Schritt erst in 24 Stunden zu gehen. Dann habe sie wieder Dienst und sie würde uns so gerne auch bei diesem Schritt begleiten. Olaf sagte zu und ich freute mich so sehr, dass ich dem anwesenden Pfleger um den Hals fiel: Ich durfte meinen Mann noch 24 weitere Stunden erleben und begleiten! Ich hatte noch 24 Stunden lang einen Mann an meiner Seite!

 

Um das WIR SIND erleben zu können, braucht es das ICH BIN. Es braucht das erlebte Wissen darüber, wer ich bin. Es braucht so viel Selbstliebe und Selbstwert, dass ich die Geschenke sehe, die mir in dem Schoß fallen und weiß, dass ich sie wert bin. Es braucht mein Wissen darüber, was ich brauche, was mir gut tut und meine Bereitschaft, das zu kommunizieren und so gut für mich zu sorgen. Es braucht mich, bereit, zu fühlen, was gefühlt werden will, bereit, zu tun, was getan werden soll, aufgerichtet und in vollem Bewusstsein darüber, dass ich ein Segen für die Welt bin. Es braucht mich, hingegeben und dem Leben dienend.

Olaf und ich durften uns gegenseitig in vielen Prozessen in dieses Bewusstsein aufhelfen. Unsere Kinder haben ihres dazu getan. 

 

Das ist das Geschenk, was Olaf Runze mir und uns mit seinem Tod überreicht. Ich bin jetzt bereit, es anzunehmen, indem ich es an uns weiter reiche, damit es wirken kann. DANKE.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Ute Eichenberger (Montag, 18 September 2023 11:31)

    Du Frauke, hast mich bei unserer letzten Begegnung in Münster sehr berührt! Danke!
    Auch Deine Webs. und Gedichte berühren mich. Sie erfüllen mich mit Trauer und Dankbarkeit, mit Trauer, weil ich so weit weg bin, Dankbarkeit, weil es Dich gibt und Du uns an Deinem Denken und Fühlen teilhaben lässt, Du bist Vorbild und Trost. Danke!

  • #2

    Frauke (Montag, 18 September 2023 17:14)

    Oh liebe Ute, wie schön, hier von Dir zu lesen! Ich danke Dir sehr für Deine liebevollen Worte. Danke, dass Du mich siehst. Danke, dass Du in Münster warst. Danke, dass es Dich gibt.
    Deine Frauke